Die D700 im Kurztest

Die D700 im Kurztest

Ein Koloss aus einer vergangenen Zeit: 4 Tage, 4 Objektive und die Nikon D700

Sie ist ein echter Bolide: 1055 Gramm pure Kamerageschichte aus dem Jahr 2008. Die Nikon D700 kam damals als kleine Schwester der legendären D3 auf den Markt und besetzte im Nikon-Aufgebot das semiprofessionelle Segment. Das spürt man bis heute bei jedem Handgriff. Ihre Bedienelemente orientieren sich stark an der großen Schwester – inklusive des markanten runden Okulars. Vollautomatik oder verspielte Szenenprogramme? Fehlanzeige. Die sucht man bei diesem Prosumer-Werkzeug vergeblich. Einen entscheidenden Vorteil gegenüber den absoluten Top-Modellen hat sie aber im Gehäuse versteckt: einen integrierten Blitz.

Im Grunde ist die D700 das Vollformat-Gegenstück zur 2007 erschienenen D300. Gehäuse und Bedienung sind bis auf minimale Details absolut identisch – der wahre Unterschied liegt tief im Inneren: Die D300 arbeitet mit einem APS-C-Sensor, während die D700 mit ihrem mächtigen FX-Sensor den Einstieg ins Vollformat ebnete.

Seit ich mir 2014 die Nikon D800 zugelegt habe, fristet die D700 allerdings ein eher ruhiges Dasein und wird nur noch sehr sporadisch genutzt. Diese Woche habe ich sie endlich mal wieder aus der Vitrine befreit. Mein Plan: Sie durfte mich vier Tage lang begleiten – und zwar jeden Tag mit einer anderen Linse.

Den Anfang machte ein echtes Urgestein: das Sigma Mini-Wide II 28mm f/2.8. Ein Objektiv, das bis 1995 gebaut wurde und somit schon Oldtimer-Status hatte, als die D700 überhaupt das Licht der Welt erblickte. Hier ist noch echte Handarbeit gefragt: Kein Autofokus, und die Blende wird klassisch und mechanisch direkt am Objektivring eingestellt. Ein entschleunigter Start in eine spannende Woche…

Tag 1: Das analoge Relikt überzeugt

Und was soll ich sagen? Das Zusammenspiel hat mich absolut überzeugt. Das manuelle Fokussieren ging erstaunlich schnell von der Hand, und die Farben sowie die Schärfe der Bilder sind wirklich beeindruckend. Letzteres mag auch am gutmütigen 12-Megapixel-Sensor der D700 liegen, der optische Schwächen älterer Linsen gerne mal verzeiht. Der Gesamteindruck dieser Kombination ist jedenfalls hervorragend!

Einen Haken gibt es allerdings: Bei mageren 12 Megapixeln hat man absolut keine Reserven für nachträgliche Bildausschnitte. Hier ist noch echter „Fußzoom“ gefragt – man muss sich sein Motiv also schon vor dem Abdrücken genau erlaufen.

Tag 2: Das „Nifty-Fifty“ übernimmt

Am zweiten Tag durfte mich erneut eine Festbrennweite begleiten, diesmal allerdings ein deutlich modernerer Klassiker: das Nikkor AF-S 50 mm f/1.8 G. Dieses Objektiv, in der Fotoszene auch liebevoll als „Nifty-Fifty“ bekannt, erblickte im Jahr 2011 das Licht der Welt.>/p>

Im Vergleich zum betagten Sigma ist das Nikkor ein ganz anderes Kaliber. Es ist ein Stück größer, bringt einen schnellen Autofokus mit und bietet mit einer Offenblende von f/1.8 noch mehr kreativen Spielraum mit der Tiefenschärfe. Sobald man es in die Hand nimmt, spürt man allerdings den Rotstift: Das Gehäuse besteht spürbar aus Plastik. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen – die optische Leistung an der D700 ist und bleibt absolut solide.

Der Komfort des Autofokus – und seine Grenzen

Der moderne Autofokus des Nikkors hat das Fotografieren natürlich spürbar erleichtert. Gerade wenn es darum ging, bewegte Motive im Fokus zu behalten, war die Linse ein echter Segen. Doch die Technik des Objektivs kann die physikalischen Grenzen der Kamera nicht wegzaubern: Die Einschränkung durch die – aus heutiger Sicht – geringe Sensorauflösung macht sich natürlich auch bei dieser Festbrennweite bemerkbar. Wer croppen will, verliert.

Tag 3: Ein schwergewichtiger Allrounder kommt mit

Nach zwei Tagen voller Entschleunigung und festen Brennweiten stand mir der Sinn nach mehr Flexibilität. Für Tag 3 durfte deshalb ein echter Klassiker aus der Fototasche mit: das Nikkor AF-S 24-70mm f/2.8 der ersten Generation.

Mit diesem Profi-Standardzoom bricht allerdings eine ganz neue Ära auf der Schulter an. Zusammen mit dem ohnehin massiven Gehäuse der D700 mutiert das Gespann zu einer echten Hantel – satte 2 Kilogramm Lebendgewicht wollen hier durch den Alltag getragen werden. Ein Workout, das man beim Fotografieren in jedem Muskel spürt, das aber auch mit der legendären optischen Vielseitigkeit belohnt wird…

Die Belohnung für die Schlepperei

Doch trotz des Gewichts wird schnell klar: Ein gutes Zoom macht das Fotografenleben einfach verdammt viel leichter. Plötzlich eröffnen sich unzählige Möglichkeiten, Motive blitzschnell einzufangen. Ein perfektes Beispiel? Die Gottesanbeterin, die ich mitten im Gleisbett entdeckt habe. Mit den Festbrennweiten der Vortage wäre sie mir ohne die nötige Flexibilität beim Bildausschnitt sicher entgangen. Das 24-70mm ist trotz seiner Masse ein absolutes Allround-Werkzeug, das mit knackiger Schärfe und einer durchgehenden Lichtstärke von f/2.8 auf ganzer Linie überzeugt. Kein Wunder, dass ich diese Linse auch heute noch unheimlich gerne an meinen anderen DSLRs wie der D800 oder der D750 im Einsatz habe.

Tag 4: Ein legendäres Schiebezoom im Endspurt

Für das Finale am vierten Tag ging es noch einmal zurück in die Historie – und zwar mit dem direkten Vorgänger des 24-70ers. Ich schnallte das AF Nikkor 35-70mm f/2.8 D auf den Body. Dieses mechanische Prachtstück ist ein klassisches Schiebezoom, das von 1992 bis Mitte der 2000er-Jahre gebaut wurde.

Mit dieser Linse holt man sich nicht nur eine hervorragende optische Leistung an die D700, sondern auch ein ganz besonderes, analoges Handling, das man bei modernen Objektiven völlig vergeblich sucht…

Der Wettergott und der Zeitdruck

Leider spielte das Wetter am letzten Tag so gar nicht mit. Da ich obendrein noch mit anderen Aufgaben eingedeckt war, blieben die Gelegenheiten für einen ausgiebigen Härtetest leider überschaubar. Was jedoch sofort auffällt: Mit seinen 660 Gramm ist das 35-70er ein echtes Leichtgewicht im Vergleich zum 24-70mm-Brocken.

Optisch schlägt sich der Oldie erstaunlich wacker – eine dramatisch schlechtere Abbildungsleistung konnte ich auf den ersten Blick nicht feststellen. Wo man das Alter der Vergütung allerdings deutlich merkt, ist im Gegenlicht: Hier wird das Bild wesentlich flauer, und insgesamt wirken die Aufnahmen etwas weniger kontrastreich als beim modernen Nachfolger. Aber seien wir ehrlich: Es wäre auch ein Armutszeugnis für Nikon, wenn das High-End-Objektiv von 2007 die Konstruktion aus den 90ern nicht in die Schranken weisen würde. Mein Fazit für Tag 4: Das 35-70mm ist absolut alltagstauglich und eine fantastische, leichtere Alternative für lange Fototouren. Wenn das Gewicht auf der Schulter jedoch keine Rolle spielt, bleibt das 24-70mm die unangefochtene Nummer eins.

Mein Fazit: Was bleibt von vier Tagen mit der Nikon D700?

Ist ein Kamerabolide aus dem Jahr 2008 heute noch zu gebrauchen? Die klare Antwort lautet: Absolut! Die D700 liefert nach wie vor ab. Ihr riesiger Pluspunkt in der heutigen Zeit ist der extrem niedrige Gebrauchtpreis und der Zugang zu einem riesigen Markt an günstigen, erstklassigen Vollformat-Objektiven für jeden Einsatzzweck.

Wer allerdings an die Annehmlichkeiten moderner Spiegelloser gewöhnt ist, muss sich auf eine harte Landung gefasst machen:

  • Kein IBIS (In-Body Image Stabilization): Hier wackelt der Fotograf noch selbst. Ohne ruhige Hand oder stabilisierte Linsen geht nichts.
  • Keine KI-Helfer: Einen Augen-Autofokus oder eine automatische Erkennung von Tieren und Fahrzeugen sucht man vergeblich.
  • Das Display: Zur Bildkontrolle gibt es einen starren Monitor ohne Touchfunktion. Mit seinen 921.000 Bildpunkten und der eingeschränkten Helligkeit stößt er schnell an seine Grenzen. Liveview ist zwar theoretisch an Bord – und wer körperlich fit ist, kann die 2 Kilo auch mal am ausgestreckten Arm halten –, aber sobald die Sonne herauskommt, sieht man auf dem Display schlichtweg nichts mehr.

Dafür entschädigt die D700 mit einem wunderbar großen, klaren optischen Sucher und einer zuverlässig eingeblendeten Belichtungswaage.

Für wen ist diese Kamera also heute noch etwas? Sie ist ein Werkzeug für Liebhaber. Für Fotografen, die Lust auf echte Handarbeit haben und die modernen Automatiken bewusst hinter sich lassen wollen oder können. Für mich geht es für den treuen Boliden nun erst einmal wieder zurück in die Vitrine – bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Staubwischen und ab an die frische Luft!

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